Es bleibt in der Familie

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Heurigenkultur zwischen Tradition und Innovation.

Die Thermenregion Wienerwald gilt als Wiege der Heurigenkultur. Viele Betriebe sind seit Generationen fest in Familienhand und ein Musterbeispiel für moderne Gastlichkeit, die ihre Wurzeln bewahrt.

Österreich und seine Heurigenkultur: Das entspannte Beisammensein bei Jausenplatte und einem Achterl Wein gehört zur kulinarischen Identität des Landes. Was viele nicht wissen: Entstanden ist diese Tradition in der Thermenregion Wienerwald. Bereits im Jahr 1380 verlieh Herzog Albrecht III. den Bürger:innen von Gumpoldskirchen das Recht auf Leutgeben, also den Ausschank ihres selbst erzeugten Weins. Aus Baden stammt die älteste, noch erhaltene Leutgeb-Ordnung von 1459.

Damals wie heute punktet der Wienerwald mit einer Vielzahl unterschiedlicher Betriebe. Das Wetter ist gut? Dann ist ein Tisch im Gastgarten unter schattigen Bäumen genau das Richtige. Regen kündigt sich an? Dann schnell einen Platz in der Stube sichern. So gut wie alle dieser Heurigen sind familiengeführt. Die Rezepte stammen noch von den Großeltern, während die jüngste Generation im Weingarten Hand anlegt. Auffallend ist nämlich auch die Innovationskraft der Thermenregion Wienerwald, egal ob in Form vegetarischer und veganer Speisen, ökologischer Weingartenbewirtschaftung oder coolem Flaschendesign.

Heuriger im Hauerhaus

Bereits 1431 wurde das in Perchtoldsdorf gelegene Hauerhaus urkundlich erwähnt, ein sogenannter Hakenhof, der behutsam restauriert und 1947 um eine Weinlaube erweitert wurde. Inzwischen gehört dazu ein großzügiger Garten mit alten Zwetschkenbäumen und Schirmplatane. Der Heurige des Weinguts Drexler-Leeb hat zwei Ebenen, eine rustikal-historische und eine, die sich perfekt für größere Feiern eignet. Seit 2015 ist der in Perchtoldsdorf gelegene Betrieb nachhaltig zertifiziert. Monika ist für den Genuss auf dem Teller zuständig, ihr Mann für die Gästebetreuung. Weingarten und -keller sind das Aufgabengebiet von Biwi und Hannes, während Sandra sich ums Marketing kümmert, aber auch am Heurigenbuffet anzutreffen ist. Auf dem finden sich Spezialitäten wie Kümmelbraten, faschierte Laibchen, Surknierling und Blunzengröstl, aber auch Spinatknödel sowie Aufschnitt und Aufstriche. Dazu passen sortenreine Fruchtsäfte, vor allem aber natürlich die hauseigenen Weine: von Rotgipfler, Neuburger, Weißburgunder und Grüner Veltliner über Riesling und Zweigelt bis hin zu St. Laurent. Auch sonst hat Perchtoldsdorf einiges zu bieten. Neben einer allgemein hohen Heurigendichte ist es der Hiataeinzug, eine Art Erntedankfest, der 2010 in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, für viele Einheimische das Highlight des Jahres.

Autochthone Sorten und Haubenküche

Von Perchtoldsdorf geht es weiter nach Gumpoldskirchen. Johannes Gebeshubers Passion ist der Wein, allen voran die autochthonen Sorten Zierfandler und Rotgipfler, die auf Muschelkalklagen wie der Ried Student wachsen. Dass diese Sorten sich wieder einer wachsenden Beliebtheit erfreuen, ist zweifellos auch Johannes‘ Verdienst. Was nicht heißt, dass sein Herz nicht auch für Pinot Noir und St. Laurent schlägt. Gewirtschaftet wird im Weingut Gebeshuber nach biologischen Kriterien. Stolz kann Johannes auf diverse Auszeichnungen sein, darunter jene des besten Weinguts der Thermenregion. Abgesehen davon ist er Mitinitiator des Projekts Gumpoldskirchen goes bio, welches den Ort zum ersten bio-zertifizierten Gemeindegebiet Österreichs machen will.

Auch Johanna Gebeshuber hat was vorzuzeigen, nämlich den Titel „Heurigenwirtin des Jahres“, den ihr der Falstaff kürzlich gleich zweimal verlieh. Bei der Einrichtung des Heurigen Spaetrot setzt sie auf einen Mix aus Tradition und Eleganz, auf dem Teller hingegen geht es sehr gegenwärtig zu: gebackene Bergkäsepressknödel, Ofenbratl vom Tullnerfelder Bio-Schwein, auch Vegetarisches. Gekocht wird mit Slowfood- und Bioprodukten, vom Gault Millau gab es eine Haube. Abgesehen davon baut Johanna ihr eigenes Gemüse und ihre eigenen Kräuter an, hält Schafe und engagiert sich in der Wissensvermittlung für Schüler:innnen. Eine Greisslerei rundet das Angebot mit einer breiten Auswahl an Bio- und Slowfoodprodukten ab. Darüber hinaus gibts noch Fermentiertes – weils gesund ist und schmeckt.

Orange Wines und Rotweinschokolade

Stichwort Nachhaltigkeit: Die hat auch beim Weingut Frühwirth einen hohen Stellenwert. Im Weingarten kommen keine Insektizide und Herbizide zum Einsatz, gedüngt wird mit Pferdemist und Stroh. Auf 20 Hektar Muschelkalkgestein wachsen 15 Sorten, von St. Laurent und Zweigelt bis hin zu Cabernet Sauvignon und Blauburger. Besonders stolz kann die Familie auf die Innovationskraft ihrer Piwi-Sorten und Orange Wines sein. Und darauf, dass die Kreativität beim Wein noch lange nicht endet: Für den Vorratsschrank gibt es Traubenkernmehl, Traubenkernöl, Weinbrand und Rotweinschokolade zu kaufen. Die Frühwirths, das sind Opa Othmar und Oma Hilda, Vater Johann und Mutter Gerlinde und deren Kinder Doris, Hans und Lukas. Othmar und Hilda erwarben 1970 jenes Gebäude in Teesdorf, in dem sich heute der Heurige befindet. Auf dessen Speisekarte finden sich, neben Klassikern wie Blunzengröstl und Kaspressknödel, auch eine Wildplatte mit Hirschrohschinken und hausgemachtem Zwetschkenchutney, ein Roastbeef Ciabatta und eine Maroni‑Chili‑Suppe.

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