Nina Schönemann hat einen Arbeitsplatz, wie es ihn heute nur noch selten gibt – einen Urwald. Für die Ökologin gleichermaßen Privileg und Verantwortung.
Wildnis im Mostviertel:
Im 7.000 Hektar großen UNESCO Weltnaturerbe Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal konnte sich ohne große Störung durch den Menschen ein unberührtes Ökosystem entwickeln – ein sehr komplexes Zusammenspiel der einzelnen Organismen im größten Urwaldrest des Alpenbogens.
Der Wald gibt mir Kraft und die Wildnis ein Gefühl von purer Freiheit.
Wenn alles perfekt miteinander vernetzt ist, ist der Wald robuster. Störungen wie Windwurf oder Waldbrand haben deutlich geringere Auswirkungen. „Resistenz bedeutet, dass ein Wald gar nicht erst zusammenbricht“, erklärt Schönemann. Und wenn er es doch tut, sorgt hohe Resilienz dafür, dass er sich schneller wieder erholt.
In Baumschulen gezogen, später ausgepflanzt und nach rund 80 Jahren geerntet: Das entspricht nicht dem natürlichen Lebenszyklus eines Baumes. Denn manche Bäume könnten 600 bis 800 Jahre alt werden. Im Rothwald ist diese Dimension spürbar – manchmal braucht es fünf bis sechs Personen, um einen einzigen Baum zu umarmen.
Viele Prozesse können in jungen Wäldern gar nicht stattfinden: Viele Moose und Flechten wachsen erst auf alten Bäumen. Insekten und Pilze ebenso. Selbst die Vögel brauchen große, alte Bäume. Nicht ohne Grund finden sich im Wildnisgebiet sämtliche im Wald lebende Eulen.
Ein Drittel der Lebewesen im Wald ist auf Totholz angewiesen. Fehlt es, sinkt die Biodiversität. Im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal bleibt totes Holz einfach liegen, darum kann man hier zum Beispiel noch den türkis leuchtenden Grünspanbecherling bestaunen.
Auf den Punkt gebracht:
„Lassen wir die natürlichen Prozesse nicht zu, brechen die Wälder leichter zusammen.“
Im Wald liegen besonders viele Botenstoffe in der Luft. Sobald man den Wald betritt, wird man Teil des Netzwerkes und das zeigt Wirkung.
Für die Ökologin beginnt echter Naturschutz damit, dass wir uns wieder als Teil eines größeren Ganzen wahrnehmen. Das möchte auch das Haus der Wildnis in Lunz am See seinen Besucher:innen vermitteln – neben ökologischem Grundwissen und dem Verständnis dafür, wie natürliche Prozesse in der Natur ablaufen. Die moderne und interaktiv gestaltete Ausstellung im UNESCO Weltnaturerbezentrum Haus der Wildnis macht komplexe Zusammenhänge in der Natur und deren Einzigartigkeit für alle zugänglich – und verständlich.
In einem Wald zählt das Zusammenspiel aller. Auch wir können dazu beitragen, indem wir weniger Ressourcen verbrauchen. Es geht nicht immer um Verzicht, sondern auch darum herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Oft bedanken sich Teilnehmer:innen der Führungen und Exkursionen für die Inspiration und die vielen Aha-Momente bei mir.
Nina Schönemann, BSc war immer schon von der Natur fasziniert und hat Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert. Heute ist sie Assistentin der Geschäftsführung Wildnis Dürrenstein-Lassingtal und Geschäftsführerin der Initiative Klimapartnerschaft.at. Sie selbst leitet auch Exkursionen.
Ihr ist es dabei besonders wichtig, auf Emotionen und neue Perspektiven zu setzen: Wie kann jede:r von uns mehr Wildnis zulassen? Im Großen wie im Kleinen. Von: Was kann ich als einzelne:r schon tun? Zu: Das kann ich tun!