Der Stausee Ottenstein liegt still zwischen Wäldern und Granithügeln. An manchen Tagen glitzert die Wasseroberfläche, an anderen liegt Nebel über dem See – und manchmal trägt das Eis. Für Bernhard Berger ist dieser Ort mehr als Landschaft: Er ist Kindheit, Arbeitsplatz und Berufung zugleich.
Bernhard Berger liebt das Fischen. Schon von klein auf haben ihn sein Vater und Großvater mit zum Stausee Ottenstein genommen. Heute ist daraus ein Beruf geworden. Berger ist am Gut Ottenstein für die Stauseefischerei und die Teichwirtschaft verantwortlich – und einer, der das Fischen nie nur als Fang versteht.
Mein Lieblingsplatz am Ottensteiner Stausee liegt oben an der Stauwurzel, bevor man in den Truppenübungsplatz kommt. Hier steht eine alte Eiche, die ich schon seit Kindertagen kenne.
Reiner Zufall, dass es auch ein hervorragender Angelspot ist? Wohl kaum.
Fragt man ihn, was einen besonderen Fisch ausmacht, spricht Berger nicht zuerst von Gewicht oder Länge. Entscheidend ist für ihn das Erlebnis. Die ersten Fische mit den eigenen Kindern, die Spannung, das gemeinsame Warten, die glänzenden Augen – das bleibe. Wie groß oder welcher Fisch es war, spielt dabei für ihn die kleinere Rolle.
Viele Leute fragen mich, wann die beste Zeit zum Fischen ist. Dann sage ich immer: Die beste Zeit ist, wenn du im Boot sitzt oder am Ufer stehst und fischst.
Gelegenheit, in strahlende Gesichter zu schauen, hat Bernhard Berger oft. Bei geführten Angeltouren am Stausee Ottenstein oder Dobra begleitet er erfahrene Fischer:innen ebenso wie Familien und Hobbyangler:innen.
Besonders im Sommer sind es viele Urlaubsgäste, die in in den zum Gut Ottenstein gehörigen Seehäusern Dobra wohnen und den See aus einer neuen Perspektive kennenlernen wollen.
Nicht immer beißt ein Fisch an. Wenn die Leute am Ende trotzdem sagen: „Boah, das war cool“, dann hat Berger sein Ziel erreicht. Erholung, Naturerlebnis und Zeit draußen stehen im Vordergrund. Der Fang ist das i-Tüpfelchen.
Dabei ist die Artenvielfalt und die Qualität der Fische im Stausee beachtlich: Weißfische wie Braxen oder Rotaugen, Hecht, Barsch, Wels oder Zander leben hier ebenso wie Flusskrebse.
Noch vor ein paar Jahren konnte man die Flusskrebse in rauen Mengen mit Reusen aus dem Stausee holen. Doch die Fische haben gelernt, dass sie die Krebse, wenn sie sich häuten und der Schutzpanzer für ein paar Stunden weich ist, fressen können – wie Gummibären.
In kalten Wintern, wenn sich eine tragende Eisschicht bildet, hat das Wasser ganz unten immer 4 Grad. Dort sammeln sich dann die Fische und Bernhard Berger geht mit kleinen Gruppen zum Eisfischen. Durch handgebohrte Löcher mit 16-17 cm Durchmesser, mit heißem Tee und oft auch mit gemeinsamem Grillen des frischen Fangs direkt am See.
Im Sommer verlagert sich das Abenteuer ins Fließgewässer – etwa beim Fliegenfischen in der Zwettl.
Neben dem Freizeitangeln prägt die Teichwirtschaft seinen Arbeitsalltag. Am Gut Ottenstein werden Karpfen von der Larve bis zum K3-Stadium selbst aufgezogen – biologisch und in geschlossenen Kreisläufen. Das Futter wächst vielfach auf den angrenzenden Feldern, die Wege sind kurz, die Eingriffe minimal.
Gesund ist der Karpfen obendrein, vorwiegend wegen der guten Omega-3-Fettsäuren. Außerdem sorgen die Teiche, in denen sie aufwachsen, für Wasserrückhalt in der Landschaft und sind Heimat vieler Insekten- Vogel- sowie Pflanzenarten. Nicht umsonst wurde die Waldviertler Teichwirtschaft zum landwirtschaftlichen Weltkulturerbe erklärt. Das Gut Ottenstein liegt fast zur Gänze im Natura2000 Gebiet.
K3 nennt man Karpfen, sobald sie drei Sommer erlebt haben. Dann sind sie Speisefische mit zwei bis drei Kilogramm, die direkt vermarktet werden.
Den Leuten und vor allem Kindern das Fischen und die Natur näherbringen, gehört für Bernhard Berger zu den schönsten Seiten seines Berufes. Er ist beim Gut Ottenstein, das neben der Forstwirtschaft hochwertige biologische Lebens- und Futtermittel erzeugt und die Seehäuser Dobra betreibt, für die Stauseefischerei und die Teichwirtschaft zuständig. Als gebürtigen Waldviertler hat es ihn nach dem Studium der Fisch- und Gewässerökologie an der BOKU in Wien wieder ins Waldviertel, genau genommen zum Stausee, zurückgezogen.