• In der stillen, verlassenen Schwimmhalle des Südbahnhotels spürt man die Erinnerungen an vergangene Tage. Das Licht strömt durch die großen Fenster und taucht den Raum in ein sanftes Blau, während die Künstlerin in der Mitte des leeren Beckens steht und die melancholische Schönheit des Ortes einfängt.
    ©© Niederösterreich Werbung/Daniel Gollner

Die Fotografin Yvonne Oswald im Südbahnhotel

Ein Hotel am Semmering

Einst als führendes Luxushotel Europas weithin bekannt, thront das heute geschlossene Südbahnhotel am Semmering noch immer majestätisch am Rande der auslaufenden Berghänge am Semmering in den Wiener Alpen. Die Künstlerin und Fotografin Yvonne Oswald hat dem Südbahnhotel Semmering mit einem Fotoprojekt ein nachhaltiges Denkmal gesetzt. 

Eine Hülle seiner Zeit

Yvonne Oswald hat es dieser “lost place” besonders angetan. Gebürtig aus dem oberösterreichischen Salzkammergut führte ihr Weg von der Hochschule für angewandte Kunst in Wien über Stationen in New York und Paris wieder zurück zu Friedl Kubelkas Schule für künstlerische Fotografie. Nie das Land, das Stadtleben reizte sie. 
Und doch entdeckte sie vor Jahren im Zuge eines Spazierganges nach der letzten markanten Straßenkurve am Semmering ein verwunschenes Gebäude: Der Anblick des Südbahnhotels überwältigte sie und auf Zehenspitzen versuchte sie, einen Blick ins das verlassene Hotelgebäude zu erhaschen. „Ich konnte nicht mehr aufhören nach der Geschichte des Hauses zu fragen und wusste, hier muss ich mehr machen.“

Treffpunkt der Wiener Gesellschaft

Verhandlungen mit dem damaligen Besitzer folgten und eine fünfjährige Arbeit entstand. „Die Geschichten, die Menschen, alles in diesem Haus war noch so spürbar. Wie eine alte Dame, der man ihr Alter nicht vorwerfen kann.“ Immer wieder kam Oswald ins Hotel, um zu fotografieren.
Auf exakt 1000 Meter Seehöhe wurde das Südbahnhotel 1882 als erstes von mehreren großen Hotelprojekten der Südbahngesellschaft eröffnet. Es war damals der Treffpunkt der feinen Wiener Gesellschaft: Gustav und Alma Mahler, Siegmund Freud, Emilie Flöge, Gerhard Hauptmann, Karl Kraus und auch Mitglieder des Kaiserhauses: Alle waren sie da. Bis der drohende zweite Weltkrieg seine düsteren Vorboten schickte. „Mit dem Gesetz der Nationalsozialisten, das vorgab, dass die jüdische Gesellschaft keine Hotels mehr betreten darf, besiegelte man auch den Untergang des Südbahnhotels.“

Ich konnte nicht mehr aufhören, nach der Geschichte des Hauses zu fragen.

erzählt Yvonne Oswald

In der eleganten Atmosphäre des Südbahnhotels spiegelt sich die Schönheit der Umgebung in einem glänzenden Tisch. Die Fotografin Yvonne Oswald fängt den Moment ein, während sie die beeindruckende Architektur und die sanften Farben des Raumes bewundert.
©© Niederösterreich Werbung/Daniel Gollner

Ein Denkmal für das Südbahnhotel

Heute steht das Gebäude leer. Doch die alten Mauern, der verblasste Diwan, der gewaltige Waldhofsaal, die Luster, Stoffe und Tapeten – sie alle erzählen von der damaligen Zeit. Wenn man, wie Yvonne Oswald genau hinhört. „Ich habe versucht zu erfühlen, wer hier war, was hier war und warum es war. Dazu muss man sehr still sein. Diese Arbeit war für mich wie eine Reise in eine andere Welt. In diesen Räumen haben Affären stattgefunden, Leute sind gestorben, Kultur ist entstanden.“ All das hat sie versucht, in ihrem Buch über das Südbahnhotel einzufangen. Ein Werk, das berührt. Und Erfolge verbuchen kann, wie es einem Grand Hotel gerecht wird. Eine Einzelausstellung im Jüdischen Museum Wien 2015 und eine Werkschau 2018 in New York zeigen das enorme Interesse am Thema.

Ich hoffe sehr, dass das Südbahnhotel einem guten Schicksal zugeführt wird.

Yvonne Oswald über die Zukunft des Architekturjuwels

Eine Kulisse der Nostalgie

Was die Zukunft für das Südbahnhotel bereit hält, ist ungewiss: „Ich hoffe, dass es einem guten Schicksal zugeführt wird. Touristisch wird es schwer nutzbar sein, in diesem Zustand. Ich sehe eher eine Entwicklung im kulturellen Bereich.“ Ein Wunsch, der sich zunehmend zu erfüllen scheint. Denn nach den langjährigen Gastspielen der Festspiele Reichenau zieht auch mit dem Kultur.Sommer.Semmering Literatur und Musik in die alten Gemäuer ein. Vorübergehend zwar, aber trotzdem nachhaltig. Denn wie schon Gustav Mahler einst wusste: „Man ist sozusagen selbst nur ein Instrument, auf dem das Universum spielt.“ Und das Spiel im Südbahnhotel ist längst noch nicht Geschichte.

Blick auf das Südbahnhotel Semmering mit der Rax im Hintergrund
©© Wiener Alpen/Robert Herbst

Yvonne Oswald, geboren in Salzburg, besuchte die Hochschule für angewandte Kunst in Wien, die Parsons School in New York und die Schule für künstlerische Fotografie Wien bei Friedl Kubelka. Neben erfolgreichen Einzel- und Gruppenausstellungen ihrer Werkserien hat Oswald zahlreiche Bücher publiziert und etwa für The World of Interiors Magazine, AD Germany, Elle Decor Italia, Christies Magazine, National Geographic Traveller und The Modern Times gearbeitet.

Das Südbahnhotel am Semmering ist ein ikonisches Grand Hotel der k.u.k. Monarchie. Es gilt als bedeutendes Baudenkmal und architektonisches Juwel der Belle Époque. Aktuell wird das Südbahnhotel als Location für den Kultur.Sommer.Semmering und die Festspiele Reichenau sowie für historische Führungen genutzt, während parallel eine umfassende Revitalisierung als Hotel vorbereitet wird.

29. Jänner 2019 (editiert 2026)