Ein Gipfelgespräch zwischen Hochkar und Ötscher

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Oft ist es bei Bergen so, dass einer im Schatten des anderen steht. Vor allem dann, wenn einer größer ist als der andere.

Dass Höhe und Ausgesetztheit alleine aber nicht über den Wert eines Berges entscheiden, das beweist der Ötscher: Mit seinen 1.893 m ist er die höchste Erhebung und das Wahrzeichen des Mostviertels. Viele Berg- und Wandertouren führen auf seinen Gipfel, allen voran die berüchtigte Tour „Rauher Kamm“ – eine imposante Gratwanderung, die man sonst nur aus den Westalpen kennt. Und gerade wegen seiner majestätischen Erscheinung vergisst man oft, dass keine 30 km Luftlinie entfernt, an der Grenze von Niederösterreich und der Steiermark, das 1.808 m hohe Hochkar in den Himmel ragt: Ein Wanderberg voll grüner Almen, dessen Hochplateau über 150 km markierte Routen und Wege beherbergt.

Fragt das Hochkar den Ötscher: „Wer bin ich?“
„Du bist ein Berg“, sagt der Ötscher verwundert.
„Ach, ein Berg also …“, sagt das Hochkar nachdenklich.
„Ja, aber das weißt du doch, mein lieber Freund, oder etwa nicht?“
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gar nichts weiß“, antwortet das Hochkar.
„Damit weißt du schon mehr als die meisten Berge.“
„Und was sagen die Menschen so über mich?“, fragt das Hochkar zögerlich.
„Dass du ein wundervoller Berg bist. Von deinen Gipfeln kann man bis ins Ennstal blicken, deine Hänge eignen sich hervorragend zum Skifahren und deine schroffen Flanken versprechen großartige Kletterabenteuer. Du bist ein vollkommener Berg – im Sommer wie im Winter.“
Ach, das sagen sie wirklich über mich? Es macht mich glücklich zu wissen, dass die Menschen mich mögen. Weißt du, im Winter, da kommen sie zahlreich und tummeln sich auf meinen Rücken und Pisten, aber an manchen Tagen im Sommer, da vermisse ich sie ein wenig …“, sagt das Hochkar wehmütig.
„Aber wie kommst du denn darauf? Wenn ich zu dir hinüberblicke,
dann sehe ich doch, wie sie bei dir wandern und klettern. Dein Wegenetz ist so dicht vernetzt, man möchte meinen, alle Wege führen zu dir empor. Und an deinem Fuße, da baden sie im Lunzer See! Kommen sie nicht gern zu dir?“
„Ich weiß es nicht. Oft beschleicht mich das Gefühl, dass sie den
Weg zu mir bloß dann antreten, wenn sie bereits bei dir waren.“
„Ach, das bildest du dir ein, liebster Nachbar. Das liegt doch bloß daran,
dass ich freistehe und man mich von überall erkennen und sehen kann.
Aber du bist genauso schön wie ich.“
„Und doch bist du größer …“, sagt das Hochkar kleinlaut.
„Aber Größe ist doch nicht entscheidend, wichtig ist das Gefühl,
das wir vermitteln. Schau, manche Menschen haben sogar
ein wenig Angst vor meiner Erscheinung, weil mein Rücken
so lang und ausgesetzt, mein Gipfel voll schroffer Zacken ist“,

sagt der Ötscher weise.
„Und trotzdem wollen sie zu dir hinauf“, gibt das Hochkar trotzig zurück.
„Im Sommer schon, aber im Winter, da meine ich, dass sie vermehrt zu dir kommen. Meine Pisten sind weit und flach; Familien und Kinder wissen das zu schätzen, aber die wilden Skifahrer:innen und Snowboarder:innen – die wollen bloß zu dir! Denn du bist das größte und vielseitigste Skigebiet Niederösterreichs, bist du dir dessen nicht bewusst?“
„Das höre ich zum ersten Mal! Doch du hast Recht, in den steilen Flanken des Großen Kars, weißt du, da tummeln sich viele von ihnen, sie lachen und johlen, wenn sie über die Rinnen hinabrauschen, das bereitet mir Freude sie so zu sehen, da bekomme ich das Gefühl nützlich zu sein.“
„Nützlich sind wir Berge allemal, egal ob die Menschen uns erklimmen können oder nicht. Ohne uns gäbe es keine Landschaft, sie entsteht doch erst durch uns.“
„Wie recht du hast, so habe ich das noch nie gesehen. Aber ohne uns, da wäre alles eben und flach, da fehlt einem ja oft die Perspektive. So wie mir selbst manchmal …“
„Du zweifelst zu viel an dir, und doch kann ich nicht verstehen warum: Sieh doch, wie sie die neuen Klettersteige errichtet haben, die riesige Aussichtsplattform auf deinem Nebengipfel. Sie schätzen dich sehr mein lieber Freund, dessen bin ich mir gewiss.“
„Jetzt verstehe ich, warum sie dich den „Vaterberg“ nennen: Es ist nicht nur deine imposante Erscheinung, die dich zum Wächter über das gesamte Mostviertel macht – es ist auch deine Weisheit und Erhabenheit. Trotz deiner Größe bildest du dir nichts darauf ein, du bist dir deiner Stärken und Schwächen bewusst, von dir können wir anderen Gipfel noch vieles lernen, denke ich.“
„Und doch lernt ein Berg nie aus: Lange Zeit hätte ich nicht gedacht, dass die Menschen meinen Gipfel erklimmen würden, viele Jahrhunderte habe ich gewartet, ich war fast ein wenig einsam. Doch dann kam einer, er war Botaniker, Carolus Clusius hat er geheißen, und auf der Suche nach seltenen Pflanzen und unbekannten Blumen ist er zu mir hochgestiegen. Keiner hielt das für möglich! Doch es braucht immer einen, der vorantritt.“
„Sie sind voller Überraschungen, die Menschen.“
„So wie die Landschaft, die sie und uns umgibt. Sie ist unser größtes Geschenk!“
„Und die Menschen geben Acht auf sie, das sieht und spürt man. Mein
Hochmoor in Hochreit haben sie als Naturschutzgebiet ausgewiesen, deine Schluchten schützen und pflegen sie als Teil des Naturparks Ötscher-Tormäuer. Weißt du, nach diesem Gespräch mit dir bin ich wieder voller Zuversicht: Ich bin gespannt, was uns die Zukunft bringt, mein Vater.“
„Lassen wir uns einfach überraschen, mein Sohn. Hauptsache wir stehen zusammen.“

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