Über die Sehnsucht des Stadtmenschen nach dem Berg

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Was kann der Berg, was die Stadt nicht kann?

Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Städten; im Jahr 2030 sollen es 60 Prozent sein, so die Prognosen. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Natur, Ruhe, Raum und körperlicher Betätigung in frischer Luft und natürlicher Umgebung. Elementare Bedürfnisse, die in Regionen wie den Wiener Alpen und dem Mostviertel bestens befriedigt werden können – nicht zuletzt wegen der Nähe zu Wien und anderen Städten.

Was kann der Berg, was die Stadt nicht kann? Wir probieren es mit einer Aufzählung, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit – und in dem Wissen, dass die Grenzen nicht immer so klar sind. Dennoch ist es einen Versuch wert; auch hinsichtlich der Frage, wie sich beide Welten besser vereinbaren lassen. Denn der moderne Mensch ist in vielen Fällen sowohl Stadt- als auch Bergmensch. 

Der Mensch hat die Stadt gemacht, die Natur den Berg. 

Das ist schon mal der erste fundamentale Unterschied, der die Faszination der Städter für den Berg erklären kann. Ein von der Natur kreierter Fels oder eine steile Steinwand – man denke nur an die imposante Hohe Wand oder den majestätischen Ötscher – lösen etwas ganz anderes in einem aus als eine vom Menschen erbaute Betonmauer in der Stadt oder eine asphaltierte Straße. Das eine ist menschengemacht, Mittel zum Zweck, während das andere ganz für sich selbst steht. Es gibt eben viele „Shades of Grey“. Am Berg und drumherum hat man das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Das lässt das eigene Leben in einem anderen Licht erscheinen. Und manchmal lösen sich dabei wie von selbst Knoten, die reines Nachdenken nur verworrener gemacht hätte.

Der Berg lehrt Demut, während die Stadt „vorhersehbarer“ ist.

Der Berg braucht den Menschen nicht. Er kommt auch bestens ohne ihn aus – während eine Stadt ohne Menschen keine Daseinsberechtigung hat. Deshalb ist der Berg auch weitaus mehr als ein Fitnessgerät, das man benutzt. Bergsteiger wissen, dass man dem Berg mit Respekt und Demut begegnen muss, weil zum Beispiel das Wetter schnell umschlagen kann – und in dieser Unverfügbarkeit und Unkontrollierbarkeit liegt auch der größte Reiz. Das eigene Gespür für das, was geht, verfeinert sich; die Improvisation wird trainiert.

Der Berg ruht, die Stadt wuselt.

Lärm ist ein Stressfaktor, der nicht zu unterschätzen ist. Es gibt mittlerweile sogar einen internationalen Tag gegen Lärm, den 24.  April, an dem etwa darauf hingewiesen wird, dass Verkehrslärm nach der Luftverschmutzung das Umweltproblem mit den zweitstärksten Auswirkungen auf unsere Gesundheit darstellt (Quelle: WHO). Von Konzentrationsproblemen über Herz-Kreislauferkrankungen bis zu Hormonschwankungen ist die Rede. Wie gut Stille tut, merkt man oft erst, wenn sie eintritt. Das Gehirn braucht Stille, um gut zu funktionieren, und ein Bergerlebnis, wie es in den Wiener Alpen und dem Mostviertel möglich ist, stellt für viele eine Art „Reset“ dar.

Der Berg will ergangen werden, die Stadt fordert zum Sitzen auf.

Natürlich kann auch die Stadt per pedes erobert werden – aber da überall öffentliche und private Verkehrsmittel zur Verfügung stehen und der Mensch zur Bequemlichkeit neigt und will, dass alles schnell geht, sind die Stadtgeher eher in der Minderzahl. Außerdem sind viele Jobs Sitz-Jobs. Da der Mensch aber nicht zum täglichen stundenlangen Sitzen gemacht ist, weil der Körper vielmehr Bewegung braucht, sind gesundheitliche Probleme oft die Folge – nicht umsonst heißt es: Sitzen ist das neue Rauchen. Gehen bewirkt aber noch etwas anderes: Die körperliche Bewegung führt auch zu einer Bewegung im Geist. Man denkt nur mit den Füßen gut, sagt ein Sprichwort. Zahlreiche Wanderrouten in Niederösterreichs Bergregionen sind für langes, meditatives Gehen prädestiniert.

Der Berg bietet viel Grün, und Grün tut dem Menschen gut.

„Wenn ich die Zivilisation hinter mir lasse, fühle ich mich sicher“, hat Heinrich Harrer, der berühmte Bergsteiger, gesagt. Dieses Gefühl der Sicherheit, des Aufgehobenseins in der Natur ist eines, das viele gut nachvollziehen können. Und es ist auch evolutionsbiologisch zu erklären, denn sowohl Pflanzen als auch Wasser tun dem Menschen gut und wirken beruhigend. Sie überfordern und unterfordern nicht, sondern bieten ein gutes Maß an Reizen – weder zu viel noch zu wenig, denn zum Glücklichsein braucht der Mensch auch ein gewisses Maß an Stimulation. Städteplaner denken diese evolutionären Wohlfühlfaktoren daher immer mehr mit. 

Der Berg lenkt die Aufmerksamkeit auf das Außen.  

„Der Himmel ist nicht schöner, wenn man perfekte Haut hat“, schreibt der Autor Matt Haig. Was das mit dem Berg zu tun hat? Ein Unterwegssein auf seinen Wegen offenbart fast immer grandiose Ausblicke, die einen sich selbst vergessen lassen – man denke nur an den berühmten 20-Schilling-Blick am Wanderweg entlang der Semmeringeisenbahn oder an den 360-Grad-Blick von der Aussichtsplattform „Skytour“ am Hochkar.
Es ist einem egal wie man aussieht, wenn man so positiv überwältigt wird von dem, was man sieht. In der Stadt hingegen muss man oft auch etwas repräsentieren. Und weil es so viele Menschen gibt, wird man oft angesehen, was ja per se nichts Schlechtes ist – außer wenn es dazu führt, dass man sich selbst in Frage stellt. Man bekommt am Berg also eine Pause von der ständigen Selbstbewertung und -beobachtung. Und das kann jenen, die glauben nicht gut genug zu sein, richtig guttun.

Der Berg ermöglicht neue Erfahrungen und Sichtweisen.

In der Stadt ist das zwar auch möglich, aber wer dort lebt und arbeitet, bewegt sich oft auf ähnlichen Wegen – man hat ja seine Routine, allein schon was das berufliche Leben betrifft. Ein Aufenthalt am Berg öffnet den Geist. Der Blick von oben ändert die Perspektive. Das Gehen neuer Wege lässt neue Gedanken entstehen. Das Erreichen von Gipfeln wie dem des Schneebergs auf 2.076 m oder jenem des Ötschers auf 1.893 m gibt einem manchmal das Gefühl, über sich selbst hinausgewachsen zu sein, etwas erreicht zu haben. Wie heißt es bei Wolfgang Ambros? „Der Weg zu dir selber hört nie auf. Hinter dir geht’s abwärts, und vor dir steil bergauf.“ Der Weg hinauf mag anstrengend sein, aber es ist der einzig richtige. Und wie hat Stefan Zweig so schön gesagt? „Auch die Pause gehört zur Musik.“ Und zum Unterwegssein.

Und am Ende noch eine offene Frage:

Ist Bergbaden das nächste Waldbaden?

Waldbaden hat sich von Japan nach Europa hin etabliert, vielleicht wird es bald schon das Bergbaden geben? Auch, weil der Berg im Sommer – im Vergleich zur Stadt – noch angenehme Temperaturen bereithält? In den Wiener Alpen und im Mostviertel ist ein Bergbad jedenfalls möglich, und zwar ganz in der Nähe von Wien und anderen Städten.