Der Barock des Herzens

Kammersänger Michael Schade ist nicht nur einer der berühmtesten Tenöre an den internationalen Opernhäusern, er hat auch ein Herzensprojekt:

Die Internationalen Barocktage Stift Melk (12. – 16. Mai), heuer zum dritten Mal unter der künstlerischen Leitung von Kammersänger Michael Schade, sind zu einem der spannendsten und schönsten Musikfestivals des Landes herangewachsen. Diesmal stehen sie im Zeichen einer fantastischen Welt aus Illusion und Wirklichkeit.

„Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte.“

Kammersänger Michael Schade ist nicht nur einer der berühmtesten Tenöre an den internationalen Opernhäusern, er hat auch seit drei Jahren ein ganz besonderes Herzensprojekt: Die künstlerische Leitung der Internationalen Barocktage Stift Melk. „Ich bin ja eigentlich Opernsänger und reise ständig durch die Welt, aber dieses Festival ist für mich eine ganz besondere Aufgabe, und Melk ist für mich ein ganz besonderer Platz. Ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der nach Melk gekommen ist, und es nicht als besserer Mensch wieder verlassen hat.“ Warum das so ist? „Weil wir dort etwas Wunderbares offenbart bekommen, was der Mensch mit großer Liebe zum Detail und Hingabe zu Gott geschaffen hat. Man braucht gar nicht an einen Gott zu glauben, um das zu verstehen.

„Die Schönheit der Wachau wird einen beseelen und beflügeln.“

Das Besondere an den Internationalen Barocktagen Stift Melk ist, dass hier Musik in genau der Umgebung erklingt, für die sie erschaffen wurde – und so Kunst und Raum eine ideale Verbindung eingehen, die um so viel mehr ist als nur die Summe ihrer Teile. „Die Barockmusik ist eine wahnsinnig bewegende und mitreißende Kunst.“ Was man sich heute oft gar nicht bewusst ist: In der Zeit, als die so genannte „Alte Musik“ entstand, war es gang und gäbe, dass Musiker beim Spielen von Kadenzen improvisierten, um ihre und ihres Instruments Virtuosität zu demonstrieren. Außerdem standen die Musiker damals durch andere Materialien oft vor technischen Herausforderungen, die eine andere Spielweise erforderten, als wir sie heute gewohnt sind. Schade: „Generell gesehen ist ja die Barockmusik die Wiege von Blues, Jazz und Rock 'n' Roll!“ Dem wird auch beim Festival Rechnung getragen: In der Reihe „OffRoad Barock“ werden barocke Themen aufgegriffen und ganz neu interpretiert.

Musik aus ökologischem Anbau

„Wir hören Barockmusik heute ganz anders als noch vor 40 oder 50 Jahren. Wir hören heutzutage ja sogar Wagner anders, Mozart sowieso schon längst. Für mich ist das ein bisschen vergleichbar mit dem ökologischen Anbau: Früher hat man nie darüber nachgedacht, woher unsere Nahrungsmittel kamen. Die Frage, ob ein Ei aus Freilandhaltung stammt oder aus der Batterie, stellte sich nicht. Man hat das gehabt, was es halt gab. Doch irgendwann haben wir eine Stufe erreicht, wo wir alles haben konnten, jederzeit. Und dabei ist die Qualität untergegangen – und bei der Musik war es ganz genau so. Und deshalb: Back to the roots!“ Und diese Wurzeln stecken, meint Schade, nirgendwo anders als direkt in unseren Herzen. Denn detailliertes Fachwissen ist für den Genuss der Internationalen Barocktage Stift Melk weder Bedingung noch Hinderungsgrund. „Unser Festival wendet sich nicht in erster Linie an Experten – sondern an Spezialisten! Denn ein Spezialist ist der, der wirklich mit dem Herzen denken kann. Und die wirkliche Barockmusik liegt im Entdecken des Herzens.“

Durch die Gärten, durch die Keller

Und damit ist auch das Herz des Schauplatzes gemeint: Denn so umfassend wurde die prächtige Kulisse von Melk im UNESCO-Weltkulturerbe Wachau noch nie für das Festival genutzt. „Das Schöne an Melk ist ja nicht nur das Stift selbst, sondern auch das Areal drumherum. Daher haben wir uns für heuer überlegt, dass erstmals auch die ganze Umgebung bis hinunter in die Stadt bespielen – damit wir nicht immer nur oben drüber schweben. Bei manchen Konzerten wird es sogar Ortswechsel geben. Es geht bis in die Gärten, oder hinunter in den Barockkeller. Was wir wirklich wollen, ist den Ort und das Stift Melk verbinden mit dem Drama der Musik. Unser Motto heuer ist ja ,Le monde fantastique. Illusion und Wirklichkeit‘“. Jedes Konzert soll ein ganz besonderes Erlebnis werden, nicht nur zum Zuhören, sondern zum Erleben mit allen Sinnen.

Kreativität in schönster Tradition

Jemand, der mit dem Festival – und mit Michael Schade – eng verbunden war, ist der erst jüngst verstorbene Dirigent und Musiker Nikolaus Harnoncourt. „Durch Nikolaus habe ich diesen wunderbaren Ort kennen gelernt – das allererste Mal, als ich in Melk gesungen habe, war das unter Nikolaus im Jahr 2001. Und ich habe mit ihm nicht nur einen Freund, sondern auch einen musikalischen Vater verloren.“ Harnoncourts Vermächtnis wird auch bei den Internationalen Barocktagen hoch gehalten – das Orchester in Residence ist schließlich der Concentus Musicus Wien, der traditionell unter der Leitung Harnoncourts spielte. „Wir sind stolz, dass wir noch zu Nikolaus’ Lebzeiten mit ihm besprochen haben, wie es weitergeht. Leider ist nun der Moment schneller gekommen, als wir gehofft haben, und jetzt ist es unsere Pflicht, seinen Geist bei uns weiterleben zu lassen. Ich glaube, wir haben mit Pablo Heras-Casado, der in der Welt der Konzerte der Alten Musik und der großen Opern ein echter Senkrechtstarter ist, einen ganz besonders begabten Musiker gewonnen.“

 

Auf allen Hochzeiten singen, tanzen und spielen

Hinter jedem großen Erfolg stehen engagierte Menschen, die sich mit vollem Einsatz für die gute Sache ins Zeug legen. Das ist auch bei den Internationalen Barocktagen Stift Melk nicht anders. „Ich sage immer, dass jedes unserer Konzerte wie die Hochzeit eines geliebten Kindes ist. Wir haben 17 Kinder – und alle heiraten am selben Wochenende! Zum Glück habe ich ein tolles Team in Melk, das meine verrückten Ideen mitträgt – und rund um das Festival arbeiten wir alle 17 bis 19 Stunden täglich.“ Doch die Arbeit erschöpft sich natürlich nicht im Managen des langen Festival-Weekends. „Es fängt damit an, dass man Ideen plant und budgetiert, dass man sich mit Künstlern trifft oder sich aktiv nach neuen Talenten umhört. Dann ruft man die an, setzt sich mit ihnen zusammen und erzählt ihnen von unseren Ideen. Viele Künstler schreiben uns auch aktiv an, weil sie unbedingt hier in Melk auftreten wollen. Dadurch, dass die Barocktage Melk ein großes und wichtiges Festival geworden sind, haben wir weit mehr Anfragen als Möglichkeiten. Wir könnten sicher ein viel schnelleres, dichteres Programm unterbringen – aber das wollen wir nicht.“ Denn jeder Programmpunkt soll genügend Raum bekommen, um sich entsprechend entfalten und wirken zu können. Und natürlich auch nachwirken: „Viele unserer Besucher mieten sich von Freitag bis Sonntag in einem Hotel hier ein, weil sie soviel wie möglich vom den Barocktagen erleben wollen. So wird dieses Wochenende eine wunderschöne Bereicherung mit den besten Konzerten, die man haben kann.“ Und das Publikum dankt den Einsatz mit regem Zulauf, der Kartenvorverkauf läuft noch besser als in den Jahren zuvor: „Ich hätte mir nie gedacht, dass z. B. ein Konzert, das zwei Drehleiern, ein Violoncello und ein Cembalo beinhaltet, so schnell ausverkauft ist. Einfach wunderbar.“

„Herrlich! Himmlisch! Göttlich!“

Die Frage nach dem kulinarischen Rahmenprogramm beantwortet Michael Schade auch von ganzem Herzen: „Wer beim Jamek schon mal an einem schönen Tag mit seiner Frau auf der Terrasse gesessen hat, der weiß, was Liebe ist. Wer beim Loibnerhof Fisch gegessen hat und genau den Wein getrunken hat, den eindeutig der Papageno in der Zauberflöte trinkt, und der ihn zum Freudenjubel ,Herrlich! Himmlisch! Göttlich!‘ veranlasst, der weiß, was Lebensfreude ist. Und wer einmal bei der Liesl Wagner-Bacher auch nur ein kleines Stück Brot mit Butter gegessen hat, der weiß, was eine exzellente Küche bedeutet ... aber das sind nur 3 von 30, die ich sofort aufzählen könnte. Wer sich selbst inspirieren lassen will, möge beim Hotel zur Post in Melk einchecken, aufs Fahrrad steigen, und von dort aus entlang des Donauradwegs die wunderbaren Kraftorte der Wachau mit allen Sinnen erfahren!“

„Bringt uns eure Kinder!“

Und das am besten mit der ganzen Familie: Ganz besonders stolz ist Michael Schade auf die neue Programmschiene für das ganz junge Publikum. Mit dem Mäuschen Max wurde ein eigener kleiner Freund erfunden, der Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter anspricht, es gibt sogar ein eigenes begleitendes Kinderbuch für die kleinen Festivalbesucher und -besucherinnen. Nachwuchsarbeit war ja immer schon eine Herzensangelegenheit Schades, der gemeinsam mit seiner Partnerin für ein „Heimorchester“ von insgesamt 8 Kindern sorgt und hinter mehreren Projekten für Jungtalente-Förderung steht. Was ihn daran so besonders beseelt, erklärt er in einem Gleichnis: „Als Kind hatte ich einen Nymphensittich, Sammy. Den habe ich über alles geliebt. Irgendwann blieb mal seine Käfigtür offen, und er ist entflogen. Damals brach eine Welt für mich zusammen. Doch wir haben ihn wiedergefunden, und er war mein bester Freund, bis zum Schluss – als er starb, war ich schon ein erwachsener Mann. Und Vögel erinnern mich an unsere Kinder: Wir brüten sie aus, ziehen sie auf, sehen, wie sie schließlich wegfliegen. Und wenn sie eines Tages aus freien Stücken wieder auf unserem Dach landen, ist das das Schönste auf der Welt!“

Auch in Melk sollen heuer möglichst viele Kinder landen: „Alle Besucher sollen ihre Kinder mitbringen! Kinder sind das Licht der Welt, und die müssen wir gleich mitnehmen, damit sie Freude an der Musik haben.“ Denn: „Es gibt keine Kinder, die nicht an Musik interessiert sind. Manche können vielleicht nicht so gut singen, aber dafür besser Klavier spielen. Oder Schlagzeug, oder Gitarre oder Flöte. Aber unmusikalische Kinder, die gibt es nicht.“